EDITORIAL #3

Resilienz im BGM – Die Superheldenfähigkeit für Mitarbeiter?

Resilienz ist aktuell in aller Munde – Was steckt dahinter? 

Laut Gesundheitsreport 2019 der Techniker Krankenkasse lassen sich für das Jahr 2018 erstmals die meisten Krankheitsfehltage auf psychische Erkrankungen zurückführen. Dies betrifft Männer und Frauen gleichermaßen und entspricht aktuell 17,9% aller Fehltage. Seit Beginn der Auswertungen im Jahr 2000 hat dieser Wert um 92% zugenommen und befindet sich damit aktuell auf dem Höchststand. Nicht verwunderlich also, dass im BGM Themen wie Stressmanagement, Achtsamkeit und Resilienz aktuell deutlich an Bedeutung gewinnen und zunehmend in Vorträgen und Workshops thematisiert werden.

Der Begriff „Resilienz“ stammt aus der Physik und beschreibt die Fähigkeit von Materialien durch ihre Elastizität nach Belastung unbeschadet wieder in die Ausgangsform zurückkehren zu können. Auf den Menschen übertragen versteht man darunter die psychische Widerstandsfähigkeit, die benötigt wird, um Krisen oder schwierige Situationen zu bewältigen und unbeschadet zu überstehen. Dies bedeutet aber nicht, dass Widrigkeiten an der entsprechenden Person einfach abprallen. Vielmehr handelt es sich um einen Vorgang der konstruktiven Verarbeitung, der teils bewusst, teils unbewusst abläuft.

Was beeinflusst die Resilienz – Die sieben Schutzfaktoren.

Auch wenn das Fundament der Resilienz bereits in der Kindheit gelegt wird, können wir einen großen Teil jederzeit selbst beeinflussen und trainieren. Die wichtigsten sieben Bereiche, die sich alle individuell trainieren lassen, sind dabei folgende:

  1. Positive Selbstwahrnehmung: Das Erkennen und die Reflektionsfähigkeit der eigenen Gedanken und Gefühle zusammen mit der Fähigkeit, die eigene Person mit individuellen Qualitäten, Eigenschaften, Stärken und Schwächen zu akzeptieren, bietet die Basis für ein gesundes Selbstvertrauen.
  2. Selbststeuerungsfähigkeit: Die Möglichkeit der verhältnismäßigen Emotionsregulation erweitert den eigenen Handlungsspielraum um ein Vielfaches.
  3. Selbstwirksamkeit: Strategien für neue oder schwierige Situationen entwickeln zu können, kombiniert mit der Erfahrung, selbst einen direkten Einfluss auf die Umwelt zu haben, gibt Vertrauen ins eigene Ich und erzeugt Sicherheit. 
  4. Akzeptanz: Die Fähigkeit voll und ganz anzunehmen, dass Positives wie Negatives Teil einer jeden Situation sein kann, bietet einen Gelassenheitsvorsprung.
  5. Lösungsorientierung: Die Orientierung an der Lösung statt am Problem verhilft zu Handlungsfähigkeit und öffnet den Blick nach vorn. 
  6. Soziales Netzwerk: Als soziales Wesen benötigen wir das Gefühl der Zugehörigkeit. Es ist von großer Bedeutung für die eigene Zuversicht, um Unterstützung bitten zu können und diese zu erhalten.
  7. Zukunftsorientierung: Zukunft als Perspektive, als Chance. Mit dieser Denkweise werden wir zum Regisseur unseres eigenen Films und arbeiten konstruktiv an unserem Leben.

Branchenausblick: Nutzen und Grenzen der Resilienz im BGM:

Da die wertvolle psychosoziale Ressource Resilienz erlernbar ist, bietet sie einen hervorragenden Ansatz im BGM. Dies entspricht auch dem Gedanken des aktuellen Leitfadens Prävention, die psychische Gesundheit in der Arbeitswelt zu schützen und zu stärken. 

Auf der Verhaltensebene ist es sinnvoll, Mitarbeiter für dieses Thema im ersten Schritt zu sensibilisieren. So kann ein Vortrag oder ein Workshop zum Thema Resilienz den Begriff selbst näherbringen und die sieben Schutzfaktoren erläutern. Zudem gibt es im Rahmen eines solchen Workshops diverse Möglichkeiten, die Resilienz mittels praktischer Übungen auch nachhaltig zu stärken, z.B. mit Entspannungsübungen, Achtsamkeitstraining und Stressmanagement Techniken. Dabei trägt auch Bewegung zum ganzheitlichen Abbau von Spannungen bei – sowohl auf der mentalen als auch auf der körperlichen Ebene. Achtsamkeitsübungen, Yoga und andere Entspannungstechniken helfen dabei, den aktuell wahrgenommenen Stresspegel im Alltag selbstständig zu regulieren und zu reduzieren. Sie schaffen so eine Basis für eine positive Selbstwahrnehmung, für Selbststeuerungsfähigkeit und für Akzeptanz. 

Auch auf der Verhältnisebene lassen sich eine Reihe von Schutzfaktoren hervorragend ansteuern. Selbstwirksamkeit, Lösungsorientiertheit, soziales Netzwerk sowie Zukunftsorientierung können unmittelbar durch die Art des Führungsstils und die Unternehmenskultur beeinflusst werden. Eine flache Führungs- und Entscheidungshierarchie ist hierfür ein guter Ausgangspunkt, der allerdings erst der Anfang ist. Zusätzlich ist es wichtig, dass die Mitarbeiter ein Verständnis für die Gesamtzusammenhänge des Unternehmens entwickeln, Handlungsspielräume erleben und ein gewisses Maß an Eigenverantwortung haben. Dies ermöglicht die Weiterentwicklung und Stärkung der Schutzfaktoren Selbstwirksamkeit und Lösungsorientiertheit. Außerdem bildet die Arbeitswelt einen nicht unerheblichen Teil unseres sozialen Netzwerks ab. Aus diesem Grund ist ein Zugehörigkeitsgefühl und die Identifikation des Arbeitsnehmers als Teil der Unternehmung und des Teams eine wichtige Schlüsselfunktion. Es sollte die Möglichkeit bestehen, bei Fragen und Schwierigkeiten Kollegen und/oder Vorgesetzte um Hilfe zu bitten und diese auch zu erhalten. 

In Zeiten der digitalen und häufig sehr volatilen Arbeitswelt ist es allerdings wichtig, dass Resilienz nicht als Ansatz dazu genutzt wird, die psychische Widerstandskraft der einzelnen Mitarbeiter zu stärken, um anschließend wiederum den Leistungsdruck zu erhöhen. Stattdessen sollte sich auf das Ziel konzentriert werden, die psychische Gesundheit der Arbeitnehmer nachhaltig zu verbessern und gleichzeitig gesunde Prozesse zu gestalten. Denn dies trägt nicht nur zum Wohlbefinden der MitarbeiterInnen bei, sondern wird langfristig auch wirtschaftlich eine durchschlagende Wirkung erzielen.